#1 Als wir gehen mussten
Shownotes
1946 wird die sechsjährige Isolde mit ihrer Familie aus dem Sudetenland vertrieben. Zwei Tage bleiben ihnen, um ihr Zuhause zu verlassen. Was folgt, sind Lager, überfüllte Güterzüge und eine Reise ins Ungewisse – die in Hessen endet.
Diese Folge von „Wir Heimatvertriebenen – Hessen und seine Sudetendeutschen“ erzählt, wie es zur Vertreibung von Millionen Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg kam – zwischen historischer Einordnung und persönlicher Erinnerung der Zeitzeugin Isolde.
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00:00:05: Dann kam der Nächste, die nächsten Schächen und die sind dann durchs Haus und haben geguckt usw.
00:00:11: Ja hat er gesagt in das Haus ziehen wir ein.
00:00:15: In zwei Tagen müssen sie draußen sein so.
00:00:18: Isolde Kokot ist eine von Millionen Menschen, die nach dem zweiten Weltkrieg ihre Heimat verlieren.
00:00:24: Deutsche in der Tschechoslowakei entschlesen den Ostbräusten und Ungarn.
00:00:28: Sie werden vertrieben.
00:00:29: Millionen von Menschen, die in einem zerstörten Nachkriegsdeutschland neu anfangen müssen.
00:00:33: Die auch in Hessen zu neuen Nachbarn werden und es bis heute geblieben sind.
00:00:37: Und obwohl ihr Schicksal so viele Menschen betrifft ist das Kapitel der Heimatvertriebenen Heute im kollektiven Gedächtnis erstaunlich leise.
00:00:45: Wir Heimat-Vertriebenen Hessen und seine Sudeten Deutschen.
00:00:50: Isoldes Geschichte steht stellvertretend für viele Schicksale von Heimat Vertriebenen und vor allem von Sudetendeutschen die Hessen am meisten geprägt hat.
00:01:01: Mein Name ist Rebecca Herber und in drei Folgen nehme ich euch in wie Heimatvertriebenen, Hessen und seine Sudetendeutschen mit durch die Geschichte von Vertreibung und von Ankommen.
00:01:11: Und ich möchte wissen welche ambivalente Rolle spielt die Änderung für die Vertriebenen und die Gesellschaft?
00:01:22: Ich
00:01:34: besuche Isolde Kokot in ihrem Zuhause in Taunostein im hessischen Untertaunus.
00:01:39: Die eighty-fünfjährige zeigt mir auf einer Karte im Flur ihre ehemalige Heimat.
00:01:44: Isolda ist Sudetenddeutsche, sie ist im Triebendorf bei Meeresstrühbau im Osten der heutigen Tschechischen Republik aufgewachsen bis sie mit sechs Jahren wie rund drei Millionen andere Sudetendeutsche mit ihrer Familie vertrieben wird.
00:01:59: Und meine Mutter und mein Bruder.
00:02:02: Und ich, wir lebten bei meinen Großeltern, ist ein kleiner Bauernhof gewesen mit zwei Kühen, paar Gänzen und paar Hühnern Und so weiter.
00:02:13: Wir haben die geliebt, mein Bruder und ich hatten jeder eine Kuh.
00:02:17: Die hatte alle einen Namen.
00:02:19: Wir waren ganz verliebt in unsere beiden Kühe.
00:02:22: Meine Mutter hat dann ... Wie wir noch im Haus waren immer gemolken.
00:02:27: Wir sind als Kinder immer gleich in den Stall gelaufen und haben dann die erste Milch gekriegt hier.
00:02:34: Das war für uns immer ein Erlebnis morgens.
00:02:38: Was die Menschen in Triebendorf nicht rissen?
00:02:41: Während die sogenannten wilden Vertreibungen schon laufen, bereiten die alliierten Siegermächte bereits eine geordnete Zwangsausreisung aller Deutschen in den ehemaligen Ostgebieten vor.
00:02:51: Wie dem Sodeten an dem heutigen Tschechen oder Schlesien im heutigen Polen.
00:02:55: Die wilde Vertreibung ist auch ein Terminus-Technikus der gerne übernommen wird aus der Literatur wo etwas wieder schön geredet wird – einen Euphemismus eigentlich!
00:03:04: Raimund Palacek ist Historiker und Archivar des Sudeten deutschen Museums in München.
00:03:09: Auch seine eigene Geschichte verbindet ihn mit dem Thema.
00:03:12: Seine Eltern sind beide aus dem Sudeten Land vertrieben worden.
00:03:15: Sie war nicht wild, weil sie auch organisiert war allerdings nicht international Nicht von den Siegermechten sondern von checkischen Verwaltungseinrichtungen.
00:03:27: Es war aber beim Exil, im Londoner Exil der tjekuslovakischen Exilregierung vorbereitet worden.
00:03:33: Es gab klare Anweisungen man kann das in den Dokumenten und den Archiven sehr klar nachvollziehen dass das sehr wohl gesteuert war.
00:03:40: Ziel war möglichst viele Deutsche außer Landes zu schaffen vor der Konferenz von Potsdam wo sich die Siegermächte ja dann darauf geeinigt haben diese sogenannte Geordnete oder systematisierte Vertreierung durchzuführen.
00:03:55: Und zu diesem Zeitpunkt waren aber schon bereits über eine halbe Million, siebenhundert Tausend etwa aus der Deutsche, aus der Czechoslovakie vertrieben worden.
00:04:06: Man kann das umschreiben mit einer normativen Kraft des Faktischen – eine Tatsache die man nicht mehr rückgängig machen konnte oder anders gesagt ein Zug, der im Rollen war und nicht mehr aufgehalten werden konnte.
00:04:17: Da musste man sozusagen dem Rest dann auch noch zustimmen, dass allerdings sollte dann geordnet
00:04:22: sein.".
00:04:23: Ja, das war eben Bestandteil des Planes.
00:04:25: Schrecken zu vertreiben und Sicherheiten auch viele Deutsche dazu zu bewegen freiwillig das Land zu verlassen also zu fliehen eben.
00:04:33: Und dazu hat man einige schreckliche Maßnahmen gebraucht.
00:04:36: Das Schlimmste davon war größten Ausmaß des Schreckens dieser sogenannte Brünner Todesmarsch wo siebzehn bis zwanzigtausend Deutsche innerhalb von zwei Stunden ihre Häuser verlassen mussten in Brünnen.
00:04:48: In Brünn gab es eine große deutsche Sprachminderheit in der Stadt, eine alteingesessen Bevölkerung auch und die wurden zu
00:04:58: Fuß
00:04:59: in Richtung österreichische Grenze nach Süden getrieben.
00:05:03: Das war ein sehr heißer Tag und die Umstände waren eben so dass man da sehr brutal vorgegangen ist.
00:05:10: Man hat Leute die nicht mehr weiter konnten an Ort und Stelle erschossen.
00:05:15: Dieses Schicksal bleibt Isolde und ihre Familie erspart, auch wenn wir in dieser und weiteren Folgen erfahren werden wie schwierig die eigene Vertreibung für die Familie war.
00:05:24: Sie sind Teil der großflächigen Vertreibungen von nineteenhundert sechsundvierzig.
00:05:27: Die Deutschen sollen das Land verlassen aber warum eigentlich?
00:05:32: Schon ab dem zwölften Jahrhundert besiedeln Deutsche die Ostgebiete aus denen ihren Nachfahren viel später vertrieben werden sollen.
00:05:38: durch verschiedene Staatszugehörigkeiten gibt es immer wieder Konflikte zwischen den Bevölkerungsgruppen.
00:05:43: Nach dem Ende Österreich-Ungarns, in den letzten Jahren entsteht die Tschechoslowakei.
00:05:48: Durch den Aufstieg des NS Regimes und Hitlers Pläne der Osterweiterung verschärfen sich die Konflikte.
00:05:54: In den ersten Jahren wird durch das Münchner Abkommen die Ankleiderung des sebdeten Lands an das Deutsche Reich erzwungen.
00:06:00: Nach dem zweiten Weltkrieg fällt das Gebiet zurück an die Tschächoslowakei – und man möchte die Deutschen nicht mehr im eigenen Land wissen!
00:06:07: Der Beginn der Vertreibung liegt also im Nationalismus, sagt Historiker Raimund Paletschek.
00:06:13: Ein Volk fühlt sich aufgrund seiner Sprache und damit verbunden einer mit der Sprache zusammenhängenden Kulturleistung höherwertig als das andere Volk.
00:06:24: Nun gab es im Böhmen seit Jahrhunderten Deutsche und Tschechen zwei verschiedene Sprachgruppen, Sprachfamilien die miteinander gelebt haben teilweise dann nebeneinander aber man hat sich in großen und ganzen Vertragen.
00:06:37: Der Nationalismus nun ist das Gift, dass die beiden Nationen eineinander gerieben hat.
00:06:43: Es ging dann darum wer jetzt der Bessere?
00:06:46: Wer ist der Größere?
00:06:47: Der bedeutendere?
00:06:48: Die Erste Weltkrieg war hier ein Katalysator und diese erste Czechoslovakai hatte eben viele Geburtsfehler.
00:06:56: vor allen Dingen es stand unter dem Zeichen eines zentralen Nationalstaates etwa so wie Frankreich.
00:07:03: aber im Unterschied zu Frankreich lebten eben da verschiedene Minderheiten sieben Sprachgruppen Und das war an sich ein Explosionsgemisch.
00:07:12: Dann explodieren musste allerdings nur durch Zutaten und diese Zutaken bestanden zum einen in der Weltwirtschaftskrise, viele arbeitslose soziale Not.
00:07:22: man radikalisiert sich wenn es einem schlecht geht.
00:07:24: dann natürlich der Zweite Weltkrieg die Vernichtungspolitik gegenüber den Slaven vom seiten Nationalsozialisten dazu auch.
00:07:33: natürlich hätte das nicht sein können Siegermächte, sprich die West- und Ostmächte.
00:07:40: Also England, Amerika auf der einen und Russland, Sowjetunion auf der anderen Seite dem zugestimmt hätten.
00:07:46: Sonst hätte diese Vertreibung so nicht stattfinden
00:07:49: können.".
00:07:50: Und dann einen zweiten Teil, Heimat zu Detenland.
00:08:17: Minderheit in der Czechoskriver Keiv bis
00:08:19: undhundertdreißig.".
00:08:24: Isolde sitzt auf ihrem Sofa und blättert in einem Ordner.
00:08:27: Darin viele Fotos, handschriftliche Notizen und bedruckte Seiten.
00:08:31: Hier hat sie ihre Recherchen und ihre Erinnerungen zusammengetragen – heute erzählt Sie mir von Ihnen!
00:08:38: Die Frauen mit den Kindern, viele Frauen mit ihren Kindern alleine ja in dem Haus.
00:08:44: Und dann kamen die Tschechen... haben sich die Häuser angeguckt und haben eben dann gesagt, auch ja das gefällt mir oder es gefällt mehr nicht.
00:08:53: Wir hatten zwei Mal kamen Tschechen.
00:08:57: der erste Tscheche hat gesagt nein das Haus gefällt wir nicht, er hatte keine Wasserleitung als er abgezogen.
00:09:03: dann kam der nächste die nächsten Tschechan und sie sind da durchs Haus und haben geguckt usw.
00:09:09: Ja hat er gesagt in das Haus ziehen wir ein.
00:09:13: In zwei Tagen müssen Sie draußen sein.
00:09:16: So, der Großvater hatte schon mal gehört dass die Tschechen kommen und da hat er eine Kiste gezimmert.
00:09:23: Da haben wir dann Sachen reingetan und an den Koffern und in Taschen usw.
00:09:28: Und nicht weit von dem Haus wo wir wohnten unser Häuschen war ein Lager.
00:09:34: es nannte sich Engländer Lager.
00:09:37: da war im Ersten Weltkrieg waren da Englender als Gefangene drin.
00:09:41: Da sind wir dann nach zwei Tagen.
00:09:46: Meine Mutter, mein Großvater und wir zwei Kinder sind da in das enklende Lager
00:09:52: gegangen.".
00:09:52: Der Vater der weit entfernt in der Kohlegrube arbeiten muss weiß von den Geschehnissen zu Hause noch nichts.
00:09:59: Wie soll?
00:09:59: er erinnert sich, dass ihre Mutter besorgt war?
00:10:01: Wird die Familie ohne ihn vertrieben werden?
00:10:04: Man hat ja nicht gehört man hat nur gehört also alle fürchterlich viel Hunger hatten.
00:10:11: Und da hat meine Mutter in einem Brot, hat sie ein Zettelchen reingegeben und darauf hat sie geschrieben wir sind nicht mehr in unserem Haus.
00:10:22: Wir sind jetzt im Engländer Lager.
00:10:25: Und tatsächlich mein Vater hat dieses Brot gekriegt und hat das auch gelesen.
00:10:31: Wie er dann das gelesen hatte ging er zu diesem tschechischen Aufsehern.
00:10:39: Also meine Frau, die ist nicht mehr in dem Haus.
00:10:43: Ich möchte jetzt nach Hause zu meiner Frau und zu meiner
00:10:46: Familie.".
00:10:48: Ja", hat der gesagt.
00:10:50: Sie werden ja sowieso bald vertrieben und sie können nach Hause gehen.
00:10:58: Als der Vater zurückkehrt, fallen ihm besonders zwei Dinge auf die die Familie in ihre Eile vergessen hat.
00:11:11: Mein Vater, den Ehring hat er in Kleiderschrank gehabt.
00:11:15: Und wie er aus der Kohlengrube kam, hat er dann gesagt, ich will mein Ehrring kommen und da hat er geschwetzt mit dem Tschechen hier.
00:11:25: Er möchte nur den Ehering holen und eine Uhr haben die Großeltern ihn zur Hochzeit geschenkt.
00:11:32: Die zwei Sachen haben sie den Tschechien abschwatzen können hier dar.
00:11:37: Die Familie ist wieder vereint und wartet gemeinsam im sogenannten Engländer-Lager darauf, wie es weitergeht.
00:11:43: Dass ein Vater mitvertrieben wird, ist eher eine Ausnahme", erzählt Historiker Raymond Palacek.
00:12:04: dass hier die überwiegend alte und junge Menschen, also Kinder- und alte Menschen unterwegs waren.
00:12:12: Und dazu hat man Sudeten-Deutsche in bestimmten Gruppen eingeteilt und sie aus den Häusern vertrieben.
00:12:20: Es war so nicht so das man eine Ortschaft etwa geschlossen vertrieben hat sondern nach verschiedenen Kriterien aus einzelnen Häuseren raus in fünf, sechs, sieben, acht Phasen manchmal auch mehr.
00:12:32: Ziel war eben die maximale Zerstreuung der Deutschen.
00:12:35: Es war auch nicht so, dass Straßenzüge gemeinsam vertrieben wurden sondern man hat das wirklich sehr aufgespittert.
00:12:41: Ihre Erinnerungen nach verbringen Isolde und ihre Familie insgesamt einige Wochen bis Monate in dem Lager.
00:12:47: Das war ja schon die Vertreibung im vollen Gange gewesen und dann hat es plötzlich geheißen wir sind dran.
00:12:54: So naja auf jeden Fall da mussten.
00:12:56: wir haben wir alles gepackt alles auf den Leiterwagen gepackte.
00:13:01: Und da sind wir dann das letzte Mal mit dem Leiterwagen unter unseren beiden Kühen in den nächsten Ort, wo er im Bahnhof war.
00:13:11: Da standen schon alle mit Kisten und Taschen und sonst was.
00:13:18: Ein Riesenhaufen Leute!
00:13:20: Wir kamen dazu.
00:13:23: Dann kam ein großer Zug.
00:13:26: Wir waren in einem Waggon drin gewesen, weder Heizung oder sonst was.
00:13:30: Fünfzig Leute waren wir drin gewesen.
00:13:33: Ich kann mich als Kind entsinnen wie jeder hat in so einer Ecke gelebt oder gesessen Da hier mit Kisten und Taschen, und Betten.
00:13:45: Wir hatten auch unsere Federbetten mitnehmen können da hier.
00:13:52: Und ich muss aber sagen als Kind kam einem das nicht so dramatisch vor.
00:13:57: Für uns war es ein bisschen wie so ein Gaudi oder was
00:14:00: anderes.".
00:14:01: Während die Kinder kaum verstehen können, was passiert ist der Schrecken für den wachsenden Groß.
00:14:06: Dass herausgerissen werden aus dem eigenen Leben und der eigenen Heimat, ist für viele Sudeten-Deutsche und andere Vertriebene traumatisch.
00:14:13: Und für viele ist eines besonders wichtig.
00:14:16: Der Vater war immer sehr darauf bedacht hier.
00:14:20: wir sind Heimatvertiebene keine Flüchtlinge.
00:14:23: Zwangsaussiedlung Umsiedlung das sind weiche Begriffe Euphemismen, Schönwörter die den Tatbestand das Menschen gewaltsam ihre Weimat verlassen mussten unter Gewaltandrohung bis Todesandrohungen werden da schön umschrieben für den Bestand der Vertreibung.
00:14:41: Das ist eben der Unterschied zu Flüchtlingen.
00:14:44: Flüchtlinge haben in sich noch die letzte Entscheidung das Land zu verlassen aber bei der Vertreibung hat man diese Entscheidung nicht mehr.
00:14:53: Da wird man, da ist man Gegenstand, da wird man herausgeworfen.
00:14:58: Der Rauswurf ist für Isoltis Familie abrupt, solange er sich auch angebahnt hatte.
00:15:02: Und die Ankommen wird lange dauern – im Buchstäblichen wie im übertragenen Sinne.
00:15:07: Dann kamen wir alle in den Waggon, zugemacht der Waggon und dann ging's los nach Westen!
00:15:13: Wir wussten ja nicht
00:15:14: wohin.".
00:15:15: Wie
00:15:15: es für Isolde und ihre Familie weitergeht?
00:15:17: Wie Nachbarn und das Land Hessen reagieren?
00:15:19: Und wie sich Isoltes Familie Stück für Stück ein neues Leben im fremden Untertaunus aufbaut?
00:15:23: Erfahrt ihr in der nächsten Folge von «Wir Heimat Vertriebenen».
00:15:26: Hessen und seine Sudeten-Deutschen.
00:15:28: Danke fürs Zuhören, wir hauen uns an Episode
00:15:55: zwei!
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