#2 Als wir fremd waren
Shownotes
Nach der Vertreibung aus dem Sudetenland endet die Reise für Isolde und ihre Familie in Hessen – doch ein Zuhause ist das noch lange nicht. Auf engem Raum, mit Hunger, Ablehnung und Skepsis beginnt ein neues Leben im zerstörten Nachkriegsdeutschland.
In dieser Folge des Zeitzeugenpodcast „Wir Heimatvertriebenen – Hessen und seine Sudetendeutschen“ erzählen wir vom schwierigen Ankommen: von Wohnraummangel, Vorurteilen und dem Gefühl, nicht dazuzugehören – aber auch von Solidarität, Aufbau und der Frage: Wie entsteht Heimat, wenn man eigentlich nicht bleiben wollte?
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00:00:05: Mein Vater ging in das Haus rein und hat ihm gesagt, wir sollen jetzt hier einziehen.
00:00:11: Oh, kam die Frau dann raus!
00:00:13: Zu uns kommt niemand.
00:00:15: Nein, sie nehmen wir nicht un und
00:00:17: un.".
00:00:19: Das ist Isolde Krokot.
00:00:21: Sie ist Heimatvertriebener aus dem Sudetenland.
00:00:23: In der ersten Folge von Wie Heimat Vertriebenen Hessen und seine Sudetendeutschen hat sie uns von ihren Erinnerungen an die Vertreibung erzählt Wie ihre Familie aus ihrem Haus geworfen wurde, wie sie in einem Lager lebten und schließlich mit vielen anderen in einen Gütewagon gesetzt wurden.
00:00:38: Das Ziel?
00:00:38: Ungewiss!
00:00:40: Dort haben wir Isolde in der letzten Folge verlassen – wenn ihr diese noch nicht gehört habt, dann solltet ihr das jetzt nachholen.
00:00:46: Wir Heimatvertriebenen Hessen und seine Sudeten Deutschen.
00:00:52: Isoldesgeschichte ist eines von vielen Schicksalen Deutscher die nach dem Zeiten Weltkrieg ihr Zuhause verloren haben und aus den ehemaligen Ostgebieten vertrieben wurden.
00:01:01: In Hessen kamen vor allem Sudeten-Deutsch an, wurden erst Mitbewohner, dann Nachbarn und prägten das Land mit.
00:01:07: In dieser zweiten Folge blicken wir auf die weitere Reise von Isolde und ihre Familie – und darauf wie die vertriebenen Ablehnung erfahren, wie sie aber auch unterstützt und aufgenommen
00:01:16: werden.".
00:01:17: Dann kamen alle in den Waggon, zugemacht der Waggon und dann ging's los nach Westen!
00:01:23: Wir wussten ja nicht wohin.
00:01:25: Blieb der Zugmarsch?
00:01:26: stehen unterwegs?
00:01:28: Was war?
00:01:29: Die Leute stürmten raus, mussten Notdurft machen.
00:01:32: Für die ganze Zeit und für die Kinder hatten wir einmal stehen gehabt, dass wir überhaupt ... denn die Kinder konnten ja nicht so lange!
00:01:49: Mit dem Güterzug und vielen Zwischenstopps handelt es sich in Isoltes Erinnerung aber um mehr als eine Tagesreise, die die sechsjährige mit ihrem kleinen Bruder ihren Eltern und ihrem Großvater und vielen anderen Menschen im Baguon verbringt.
00:02:02: Dann blieb das Zug stehen und da waren wir in Bayern gewesen.
00:02:06: Das kamen wir dann auch wieder in ein Lager sind entlaust worden sie hatten ja Leusel gehabt Und in dem Lager lauter Betten übereinander, so da haben wir auch ein paar Tage da gelebt hier.
00:02:21: Das Licht brannte immer weil es so viele Leusel da waren und wenn die Leuse da kamen das kam nur bei Dunkelheit und bei Sonnenbeilicht kamen die nichts.
00:02:32: Mit Bayern hat der Zug die amerikanische Besatzungszone erreicht.
00:02:36: Die Gruppe der Sudeten Deutschen soll vor allem hier also in Bayern Baden-Württemberg und Hessen unterkommen Und vierhundert tausend sind es, die nach Hessen weitergeschickt werden.
00:02:45: Dreihunderttausend Vertrieben aus anderen Ostgebieten kommen dazu.
00:02:48: Insgesamt werden also ungefähr so viele Leute aufgenommen wie heute in Frankfurt leben.
00:02:55: Zwischenzeitlich ist fast jeder sechste im Hessen Heimatvertrieb.
00:02:59: Und wir fahren aus Bayern raus?
00:03:02: Wir wussten ja auch nicht wohin!
00:03:04: Von Bayern geht es also Richtung Hessen – noch wenn die Solltesfamilie das in dem Moment noch nicht weiß….
00:03:09: Die Vertriebenen sollen in die Gebiete gebracht werden, die in Hessen am wenigsten vom Krieg zerstört wurden.
00:03:15: Das sind vor allem das Kasseler Umland Gießen und Lauterbach und der Untertaunus.
00:03:19: Dort wo auch Isolde eine neue Heimat finden wird, werden die meisten vertriebenen Hessen weit aufgenommen.
00:03:25: Doch erst wartet ein weiteres Lager auf Isolda und ihre Familie.
00:03:30: Wir sind in Bad Schwalbach gelandet Und wir kamen nach Kettenbach und da war wieder ein Lager gewesen, schon vorbereitet für uns.
00:03:41: Mittlerweile suchten natürlich die Bürgermeister in den umliegenden Ortschaften wo können wir alle unterbringen?
00:03:49: Dann auf einmal hieß es so Wir kommen nach Michelbach.
00:03:53: Das ist ein dreistöckiges Haus gewesen, rohes Haus und da wurden wir abgeladen.
00:04:00: Und das saßen wir jetzt!
00:04:02: Mein Vater ging in das Haus rein und hat ihm gesagt, wir sollen jetzt hier einziehen.
00:04:08: Ach kam die Frau dann raus.
00:04:10: zu uns kommt niemand.
00:04:12: nein sie nehmen wir nicht.
00:04:14: und und so.
00:04:16: Da ging die Frau auf dem Bürgermeisteramt und hat sich beschwert, weshalb mir die Familien uns nehmen sollten.
00:04:25: Und da hat der Bürgemeister gesagt das müssen in Michelbach sehr viele Leute tun.
00:04:31: so viele Leute stehen zur Verfügung die müssen irgendwie untergebracht werden.
00:04:36: Das war eine Familie gewesen, die keine Kinder hatten Und eine Großmutter.
00:04:42: Im unteren Stock wohnte eine andere Familie und diese Besitzer wohnten in der Mitte, ganz oben war dann Speicher.
00:04:51: Da sind wir in den ersten Stock, kamen im Einzimmer und da lebten wir mit fünf Personen.
00:04:58: Dann ist diese Familie die unten war, die ist etwas enger zusammen gerückt Und hat uns die Küche zur Verfügung gestellt.
00:05:08: So bekamen wir dann die Küchen unten?
00:05:11: Ihr Säule und ihr Familie kommen wie Millionen andere in ein zerstörtes Nachtriegsdeutschland.
00:05:16: Wohnraum- und Kohle zum Heizen sind ohnehin schon knapp, Nahrungsmittel werden rationiert – nun gilt es noch die Flüchtlinge zu versorgen!
00:05:24: Die amerikanische Besatzungsregierung legt die Aufnahme der neuen Kömlinge und ihre Integration in die Hände der neuen hessischen Regierung.
00:05:32: Wir kamen im September, forty-six.
00:05:35: Kamen wir dann nach Michelbach?
00:05:38: So jetzt standen wir da nix zu essen, nichts sonst was.
00:05:42: Da gingen wir zu den Bauern und haben Kartoffel gebettelt.
00:05:47: Dann haben die Bauern auch gesagt sie können auf die Felder gehen.
00:05:51: Die sind jetzt abgeerntet und können Kartoffeln lesen.
00:05:56: also haben mein Vater und meine Mutter Kartoffels gelesen Äpfel aufgelesen, dass wir überhaupt was hatten.
00:06:03: Was war eben auch früher Hunger?
00:06:06: Hunger!
00:06:07: Das war halt ein sehr geflügeltes Wort.
00:06:11: und dann haben wir zugeteilt bekommen jeder so viel Brot, so groß ist die Familie, so viele Brote und der Großvater kriegt sein Brot.
00:06:22: Und ich sehe heute mein Großvaters Der hatte dann sein Brot gehabt und er war da ganz stolz.
00:06:29: Und das sehe ich heute noch, wie er aus dem Bettstrip springt hat ja auch Hunger gehabt, hat was abgeschnitten und hat es genommen ist wieder ins Bett hineingesprungen und hat genüsslich seinem Brot gegessen weil er auch Hunger hatte.
00:06:47: wir mussten ja heizen.
00:06:48: was der Küche war nur ein Ofen gewesen.
00:06:52: Also haben wir da Holz gesammelt und dann später haben wir uns ein Wegelchen gekauft.
00:06:57: Und da sind wir Kinder.
00:06:58: jeden Samstag, ob wir wollten oder nicht mussten wir mit Faltenvater in den Wald und mussten Holz
00:07:06: sammeln.".
00:07:08: Die erste Ablehnung hat die Familie hinter sich gebracht – doch Isolde erinnert sich an viel Skepsis.
00:07:12: Abstand!
00:07:13: Weil sie kurz nach der Ankunft eingeschult wird weint sie weil sie nicht hin will.
00:07:17: Der Vater findet Arbeit in einer Fabrik, doch einheimische Kapseln sich von den Vertriebenen ab.
00:07:22: Auf der anderen Seite auch viel Unterstützung – von politischer wie ziviler Seite.
00:07:26: Familien, die wenn nicht alle freiwillig Vertriebene aufnehmen, ihren Amtliche, die sie nach der Ankunft betreuen und Menschen die Kleiderspenden.
00:07:35: Anfangs, die Flüchtlinge so wie sie uns nannten war natürlich nicht willkommen.
00:07:41: Das ist ganz klar.
00:07:42: und die haben Wohnraum weggenommen.
00:07:45: Sie haben Essendet weggennommen Und es gab viele, viele Quellereien.
00:07:51: Es war anfangs, war es schwierig das ist aber dann besser geworden.
00:07:57: wieder Wohnraum Wie die Flüchtlinge angefangen haben zu bauen und selbst Wohnraum geschaffen haben, dann ist das alles besser geworden.
00:08:08: Aber anfangs war es sehr, sehr schwierig gewesen.
00:08:13: Am Anfang war es für beide Teile sehr schwierig.
00:08:17: Aber am Anfang ist das ganz normal, dass es nicht friedvoll der Eierkuchen
00:08:23: ist.".
00:08:24: Historiker Raymond Palacek, den wir schon aus der ersten Folge kennen erklärt die Dynamik so.
00:08:30: Einmal waren die Ostdeutschen auch.
00:08:33: für die deutsche Bevölkerung ich sage jetzt mal die im Westen gelebt hat oder eben nicht.
00:08:37: in diesen was du sind Ostgebieten kam eine gute Vorlage dafür sich ein wenig selbst zu entschuldigen.
00:08:44: man hatte Opfer.
00:08:45: Die Opfer haben für Hitler bezahlt und mussten das Land verlassen.
00:08:48: Das ist die eine Sache die Vertriebenen aus Sicht der deutschen Gesellschaft nicht vollwertige auch Deutsche waren.
00:09:03: Und man hat von denen eigentlich auch gar nichts gewusst, aus den Vertreibungsgebieten was da für eine Kultur herrscht.
00:09:09: Man war überrascht!
00:09:10: Die sprechen ja auch Deutsch.
00:09:11: Hoppla, wie kommt denn das?
00:09:13: Es war also auch eine große Unkenntnis vorhanden über diese Personenkreis.
00:09:18: Das neue Leben spielt sich nach und nach ein.
00:09:21: Ein zweiter kleiner Bruder kommt auf die Welt, doch auch der Großvater verstürbt und die Mutter erkrankt dann tuberkulose.
00:09:27: Sie muss über ein Jahr in einer Lungen Highland-Steil verbringen.
00:09:31: Ihr soll erinnert sich an diese Zeit, in der alle anpacken müssen.
00:09:35: Der Vater kocht, bekannte helfen mit dem Haushalt, Nachbarn passen auf den Kleinsten auf.
00:09:40: Eine Gejahre teilen sich die Familien den Wohnraum bis wie soll das Eltern eine eigene Wohnung angeboten bekommen?
00:09:46: Die Eltern haben, wie wir noch da in dem anderen mehrstückigen Haus waren.
00:09:51: Haben immer noch gedacht naja irgendwann wenn wir doch wieder heim kommen die Leute haben immer noch gerechnet damit sie kommen nach Hause und dann nachdem das dann immer länger dauert Dann haben die gesagt ne jetzt kommen wir nicht mehr heim Das geht nicht.
00:10:07: I soll des Eltern müssen akzeptieren Wir bleiben hier.
00:10:11: Anfang der fünftiger Jahre nehmen Hilfsprogramme Mehrfahrt auf Stadthilfen beim Hausbau werden angeboten und ein Lastenausgleich soll die Vertriebenen für Verlorenes, Vermögen kompensieren.
00:10:22: Und dann neunundvierzig haben die Erstflüchtlinge in Michelbach Kalsbar der Straße Taunelsstraße.
00:10:29: Der ist ein ganzes Viertel entstanden.
00:10:32: da haben die Flüchtlinger einer nach dem anderen sich Grundstücke eben erworben billig.
00:10:39: und dann haben sie eben auch gebaut da ein Maurer gehabt und da einen Zimmermann gehabt, der und dann Dachdecker.
00:10:49: Und dann haben meine Eltern mit viel Einleistung und Hilfe und Da und so sind wir fünfundfünfzig in ins eigene Haus eingezogen.
00:11:03: Und da waren wir noch bei den Letzten fast.
00:11:05: und so war die Flüchtlinge und Heimatvertriebene, die haben dann dadurch Sie ist ein ganz, zwei neue Viertel enttrieben in Michlbach entstanden.
00:11:18: Taunusstraße, Kalsbaderstraße und auch mein Vater.
00:11:23: der ist ja im Haus gestorben, auch in seinem Haus wie er alt war
00:11:29: usw.,
00:11:31: dann ging er immer raus und hat sich gegenüber auf die Mauer gesetzt.
00:11:36: und dann guckt es sich sein Haus an Und da war er stolz gewesen, dass sie das geschaffen hat hier da.
00:11:44: Fast zehn Jahre nachdem sie ihren kleinen Bauernhof in Triebendorf verlassen musste, hat die Solldesfamilie in den letzten Jahren wieder den Lebensstandard erreicht, den sie durch die Vertreibung verloren hat.
00:11:56: Die Solle ist jetzt eine Jugendlöche.
00:11:58: Sie geht auf die Handelsschule nach Wiesbaden und wird sich dort auch beitren eigenes Zimmer nehmen – sie wird ihrem Mann kennenlernen!
00:12:04: der aus Schlesien wegen der aufkeimenden Vertreibungen fliehen musste und wird die Änderung an die Vertreibung weiter tragen.
00:12:11: Warum ihr das wichtig ist, und wie sie die Erinnerung in ihrer Familie wachgehalten hat – darüber erfahrt ihr mehr in der dritten und letzten Folge von Wie Heimatvertriebenen Hessen und seine Sudeten Deutschen?
00:12:23: Und ich möchte der Frage auf den Grund gehen, warum ist das Bewusstsein über die Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg so geringe?
00:12:30: In welche Rolle spielen dabei Narrative von Opferrollen ein Schuld?
00:12:34: Danke fürs Zuhören, wir haben uns in Episode drei.
00:12:38: Wir Heimatvertriebenen Hessen und seine Sudeten-Deutschen ist ein Podcast der VRM von Wiesbadener Kurier, Darmstädter Echo und mittelhessen.de.
00:12:49: Für Fragen Anregungen oder Kritik könnt ihr uns gerne eine E-Mail schreiben an audioatvm.de.
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