#3 Als wir davon erzählten

Shownotes

Zeitzeugen wie Isolde werden weniger. Doch was bleibt von der Erinnerung an Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg? Und warum wirkt dieses Kapitel deutscher Geschichte im kollektiven Gedächtnis oft leiser als andere?

In der letzten Folge des Zeitzeugenpodcasts „Wir Heimatvertriebenen – Hessen und seine Sudetendeutschen“ geht es um Gedenken, Konfliktlinien und Verantwortung. Zwischen Heimattreffen, politischer Debatte und persönlichem Schweigen fragen wir: Wie erinnert man an deutsches Leid, ohne deutsche Schuld auszublenden?

Und was bedeutet diese Geschichte heute – in einer Zeit, in der Nationalismus wieder lauter wird?

Ein Angebot der VRM.

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00:00:05: Dann hab ich eben dann hier mal diese Erinnerungen da geschrieben und das zumindest die Kinder wissen, wie das damals gewesen war.

00:00:16: Ich habe auch Norlichmar mit meiner Schwägerin von den Flüchtlingen geredet und dann habe ich gesagt als Zeitzeuge wenn man das erlebt hat ist es was ganz anderes.

00:00:26: also wenn ich das hier nachlese.

00:00:30: Man hat die Situationen erlebt, wie der so gewesen war Und das ist eben was anderes.

00:00:37: Das haben die jungen Leute nicht und es ist dann selbstverständlich, dass man da nur die Erinnerung hat.

00:00:44: aber erzählen ist alles anders als wenn man das erlebt

00:00:48: hat.".

00:00:49: Zeitzeugen so traurig wie unvermeidbar ist, dass sie langsam aussterben.

00:00:53: Thomas und Opas können irgendwann nicht mehr berichten und Vereine, die die Änderung wach halten verlieren ihre Mitglieder ans Alter.

00:00:59: In dieser Folge geht es um die Änerung an individuelle Geschichte aber auch um die Spannungen zwischen Narrativen.

00:01:06: Wie gilt Gedenken in das Leid von Deutschen, ohne die Untaten des NS-Regimes abzuwerten?

00:01:11: Und welche Konfliktlinien entstehen?

00:01:13: Ich bin Rebecca Herber und wenn ihr die ersten beiden Folgen von wir Heimatvertriebenen Hessen und seine Sudeten Deutschen noch nicht gehört habt dann solltet ihr das jetzt nachholen.

00:01:22: Darin erzählt uns Isolde Kokot, die am Anfang gehört hat von ihrer Vertreibung als Sechsjährige

00:01:32: Wir Heimatvertriebenen, Hessen und seine Sudetendeutschen.

00:01:38: Und das sind immer die Abzeichen zum Sudeten-Deutschentag!

00:01:42: Da sind wir mal gefahren hier, da habe ich dann mal gesammelt.

00:01:48: Die Sollte Kokot steht mit mir im Flujeres zuhause in Taunusstein.

00:01:51: Zwischen Karten von Sudetenland & Schlesien hängen bunte Buttons zum Anstecken.

00:01:57: Einmal im Jahr treffen sich Vertriebene und ihre Nachkommen zum Sudetendeutschen Tag.

00:02:02: In diesem Mai wird er das erste Mal in der tschechischen Republik stattfinden.

00:02:06: In Bernow zu Deutschbrünnen, in Moravia oder Meeren unter diesem Namen kennt Isolde die Region von Tschechien noch.

00:02:14: Eingeladen wurde die Sudeten-Deutsche Landsmannschaft von der tschächischen Initiative MeetingBernow.

00:02:19: Sie setzt sich für die Aufarbeitung der deutsch-tschechische Geschichte ein – die Geschichte von deutscher Besatzung, Naziverbrechen und Vertreibung Während es von beiden Seiten als Zeichen gegen Nationalismus kommuniziert wird.

00:02:32: Gibt es wegen der Verbrechen der Nazis im speziellen Inbrünnen, die Hinrichtungen und eigenen Vertreibungen oder Kritik?

00:02:40: Die Sollte wird in diesen Jahren falls nicht hinfahren.

00:02:43: Schon seit einer Weile könne.

00:02:44: sie ist nicht mehr.

00:02:45: Sie ist aber ein Beispiel derer Vertriebenen, die die Änderung sehr bewusst, sehr wach gehalten haben.

00:02:50: Das liegt sicher auch daran dass auch ihr Mann in zugeaufkelmender Vertreibung mit seiner Familie geflohen ist.

00:02:57: Sie zeigt mir auf einer der Karten im Flur von wo

00:03:00: Und das ist Schlesien, wo mein Mann herkommt hier.

00:03:05: Das ist Presselauch.

00:03:07: da waren wir auch schon legnitz.

00:03:10: Legnitz, das sehe ich noch dann

00:03:11: hier.".

00:03:12: Wie sollte es mit ihren Kindern und später ihren Enkelkindern mehrmals in die ehemalige Heimat gefahren?

00:03:17: In Sudetenland genauso wie nach Schlesieren!

00:03:20: Und sie hat sich lange in der Sudeten-Deutschen Landsmannschaft engagiert war fast zwanzig Jahre lang Kreisvorsitzende im Untertaunus.

00:03:27: Die Organisation in Vereinen und Landsmannschaften ist für viele Vertriebene ein Mittel, um mit der alten Heimat verbunden zu bleiben.

00:03:34: Und sich auszutauschen – aber längst nicht für alle!

00:03:37: Weil es Historiker Ramund Palacek vom Sudeten Deutschen Museum in München macht.

00:03:41: Da macht man sich immer falsche Vorstellungen, dass irgendwie alle Vertriebenen in diesen Gruppierungen vertriebenen Landsmannschaften oder Vereinigungen sich engagiert hätten.

00:03:51: Das war nicht mehr als fünfzehn bis zwanzig Prozent.

00:03:55: das darf man nicht vergessen.

00:03:56: Die haben erzählt, die haben sich damit auseinandergesetzt unter verschiedenen Voraussetzungen natürlich.

00:04:04: Die einen beharrlich, die anderen eher wehmütig traurig aber sie haben das zumindest thematisiert.

00:04:12: Aber auch da weitestgehend dann Unverständnis in der neuen Umgebung.

00:04:18: Deswegen hat man sich dann in seine eigenen Räume zurückgezogen Mit den Nachmittagen, wo man sich zum Café getroffen hat in den Heimat-Sammlungen.

00:04:25: Die es auch viele in Hessen gab.

00:04:28: Andere ziehen genau das Gegenteil vor.

00:04:31: Einfach ankommen und wenig über die Vergangenheit sprechen.

00:04:34: Es war ein psychologisches Mittel für viele Vertriebene.

00:04:39: Teils aus Scham, teils aus Anpassungswillen nicht über die vergangenheit zu reden oder nicht über dieses traumatische Erlebnis der Vertreibung zu berichten, weil man die Nachkommen damit nicht belasten wollte.

00:04:56: Zum einen und zum anderen gemerkt hat das man auf Unverständnis stößt wenn man darüber gesprochen hat.

00:05:03: also haben viele einfach zugemacht und nicht mehr drüber geredet.

00:05:07: und dass auch in sich hineingefressen muss man auch sagen.

00:05:11: Das unverständnis das vertriebene Wahrnehmen speist sich aus der Unruhe die im nachkriegsdeutschland herrscht.

00:05:18: Die Menschen sind mit dem Wiederaufbau beschäftigt Und die Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen mit Täter und Opferrollen nagt an der Gesellschaft.

00:05:26: Und im Nachgang war natürlich auch in der Geschichtsaufarbeitung gerade der sechziger Jahre dann ein, wie soll man sagen allgemein hat sich durchgesetzt das was die deutschen oder in deutschem Namen geschehen ist so schlimm war dass Deutsche auch nur Täter sein konnten.

00:05:46: sie durften nicht Opfer sein.

00:05:48: Man hat also Deutschen den Opferstatus abgesprochen.

00:05:51: Nicht nur, und das ist das Interessante nicht nur von Englandern, Briten oder jetzt in Ausländern, den Russen sondern, also den alliierten Siegermächten, sondern aus der deutschen Gesellschaft heraus selbst!

00:06:04: Und das tat vielen... vielen vertriebenen Weh.

00:06:08: Da gibt es ein Buch von Hancosat, die kalte Heimat.

00:06:11: das heißt eben dass man hier nie wirklich angekommen ist, dass man immer diesen mit dem Vorurteil zu kämpfen hatte.

00:06:17: Es gab ja auch die Meinung naja wenn ihr eure Heimat verlassen musstet dann wird das schon seinen Grund gehabt haben Dann habt ihr eben schlechte Dinge gemacht.

00:06:26: Das war...aus Scharlösungen hat nicht so zugetroffen Schon gar nichts für das Gro.

00:06:31: Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich eine ausgewogene Erinnerung etabliert, dass sowohl Schuld also eigenes Leid thematisiert ohne beides gegeneinander auszuspielen.

00:06:44: Das ist für mich auch ganz ganz

00:06:46: wichtig.".

00:06:47: Das ist Siegbert Ordmann.

00:06:49: Er hat selbst als fünfjähriger die Vertreibung aus dem Sudetenland erlebt und ist danach im Lauterbacher Mittelhesserschen Vogelbergkreis aufgewachsen.

00:06:56: Jetzt ist er Landesvorsitzender des Bundes der Vertriebenen Hessen.

00:07:00: Und dann waren ja immer diese Zielen, damals nach dem Krieg auch diese vielen Heimat treffen.

00:07:07: Da hat jeder Ort und jede Region ein eigenes Treffen gehabt.

00:07:12: Ich weiß wir waren damals in Meeringen im Bayern.

00:07:15: Dort waren unsere Zusammenkünfte immer und da hat man natürlich dann vor den Freunden und Bekannten unserer Eltern immer wieder erfahren und ist da so ein bisschen reingewachsen in die ganze Geschichte.

00:07:28: Und ich persönlich habe mich halt auch immer für dieses Thema natürlich interessiert, wurde natürlich auch in der Schule immer wieder in diese Ecke gestellt.

00:07:36: Du bist Vertrebener, sag mal was dazu und und also von daher ist bei mir das alles richtig von klein aufgewachsen, diese ganze Struktur und das Engagement zum Grund der Vertriebenen hin.

00:07:50: Wir dürfen jetzt nicht nur die Vertragung als Opfer sehen sondern wir müssen auch sehen, was am Zusammenhang und vorher geschehen ist.

00:07:58: Was Deutsche zum Beispiel in Sudetenland anhörigstet haben oder in Polen oder in anderen äußerlichen

00:08:07: Siedlungsgebieten.".

00:08:08: Der Bund der Vertriebenen ist der Dachverband verschiedener Vertriebener Gruppen wie die Sudeten-Deutsche Landsmannschaft oder die Landsmannschaft Schlesien.

00:08:15: Die Linie, die Ortmann vertritt war nicht immer die des BDV

00:08:19: hat natürlich auch im Anfang Schwierigkeiten bereiten, das bei den eigenen Leuten durchzusetzen.

00:08:26: Denn die haben immer wieder diese Opferrolle bis ins oberste Fachgeschirm und gesagt es ist das Allerwichtigste wir müssen wieder unser Eigentum haben.

00:08:34: Wir erinnern mit einem Blick nicht zurück in Sonnen sondern einen Blick zurück in Verantwortung.

00:08:43: Wir haben also herauskristallisiert hier im ganzen Jahren dass wir also diese ursprüngliche Meinung, also wir wollen wieder heim.

00:08:52: Wir wollen unser Eigentum wieder haben und weiter völlig aufgegeben haben – offiziell!

00:08:56: Es gibt immer wieder Menschen die da anders denken.

00:08:59: aber in unserem Verband offiziell haben wir diesen Blick zurück im Zorn aufgegeben und haben gesagt es darf natürlich die Flucht- und Vertreibung nicht vergessen werden.

00:09:11: das ist ganz klar Aber es sind nicht irgendeine alte Runden da aufwacht zu halten, sondern es muss um Versöhnung geben die zur ermöglichen ist und aus der Geschichte soll gelernt werden.

00:09:25: Der Bund der Vertriebenen stand in der Vergangenheit immer wieder an der Kritik revisionistische Haltungen zu vertreten also anerkannte historische Position und Zustände zu hinterfragen.

00:09:34: Dabei ging es etwa um die genaue Grenzziehung zwischen Polen und Deutschland oder der Ruf nach Rückkehrrechten für Vertriebene.

00:09:42: Offiziell gilt der BDV als parteipolitisch unabhängig, doch ist er stark konservativ geprägt.

00:09:48: Auch durch viele personelle Überschneidungen.

00:09:50: Ortmann selbst saß lange für die CDU im hessischen Landtag und der amtierende Präsidenten und seine Vorgängerinnen und Vorgängern waren meist Unionspolitiker.

00:09:59: So auch die bis zu den Amtierenden BDv-Präsidentin Erika Steinbach.

00:10:04: Sie sorgte für Schlagzeilen, als sie erst aus der CDU austrat und dann mit Glied der AfD wurde.

00:10:12: Siegbert Ortmann distanziert sich im Gespräch ausdrücklich von Steinbach und der AfD.

00:10:18: Die AfD, die ich wirklich als eine Organisation und Partei ansehe, die unsere Demokratie hat geschadet aber auch unseren eigenen Interessen als ehemalige Anwaltvertrieb zu widerläuft.

00:10:35: Denn ich sage mal bittlich unsere Vertreibung, hat die eigentlichen Wurzeln, in den damaligen Ende des Jahrtausends.

00:10:47: damals, aus dem Jahr eighteenhundert neunzig beginnend und so weiter entstehen Nationalismus.

00:10:53: Dann den Antisemitismus der dann dazu kam und dann den Rassismus, der auch wieder von Hitler usw.

00:10:59: dazukam.

00:11:00: Diese drei Elemente haben eigentlich dafür gesorgt dass wir letztens vertrieben worden sind In unserem Fall die Chessinnen, die holen auf der anderen Ebene.

00:11:11: Aber die Chessen haben das natürlich alles nicht vergessen was sie Deutschen dort angerichtet haben und das ist doch ganz klar.

00:11:18: Heute wolle der BDV vor allem Kultur- und Erinnerungspolitische Arbeit machen.

00:11:22: Seit Jahrzehntausendviertien gibt es auf Bestreben des Verbands einen eigenen hessischen Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibungen und Deportation.

00:11:30: Die Verbandsarbeit wird mit Landesmitteln unterstützt.

00:11:33: Der BDF bietet Migrationsberatung an Dokumentiert Zeitzeugengeschichten, bereitet Bildungsmaterial für Schulen auf und organisiert sogenannte verständigungspolitische Reisen in die Regionen aus denen nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben wurde.

00:11:47: Die Frage nach den geschichtlichen Lehren bleibt im vierschichtigen Diskurs rund um die Vertreibung nach dem zweiten Weltkrig nicht nur eine deutsche.

00:11:53: Für Historiker Raimund Palacek zeigt sie vor allem eines

00:11:57: Es gibt ja immer so diesen den Lehrsatz man soll aus der Geschichte lernen.

00:12:02: Und die Vertreibung der Sodeten-Deutschen, die deutschische Tragödie, die man natürlich entsprechend polnisch-deutsch usw.

00:12:10: in die verschiedene Länder ebenso übertragen kann sind ein Beispiel dafür was der Nationalismus anrichtet.

00:12:16: und wie gesagt wir sehen es bis heute er ist nicht tot.

00:12:20: leider alles was wir in der Weltgeschichte jetzt erleben wo Unruhe und Frieden und der Frieden bedroht ist dahinter steckt die hässliche Fraze des Nationalismus.

00:12:29: dem kann man nur entgegen arbeiten in einem bunt freier Völker.

00:12:36: Und deswegen ist die Europäische Union so unglaublich wichtig für uns, dass sie eine stabile Union ist und nicht einsames Surium verschiedener Nationalstaaten mit all ihren eigenen

00:12:48: Eitelkeiten.".

00:12:49: Acht Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es nur noch wenige, die Flucht- und Vertreibung selbst erlebt haben.

00:12:55: Die Heimatreffen werden kleiner, Zeitzeugen wie Sollde Kokot werden weniger – was bleibt sind ihre Geschichten!

00:13:02: Und die Frage, wie eine Gesellschaft mit widersprüchlicher Erinnerung und wachsendem Nationalismus umgehen wird.

00:13:09: Wir freuen uns auch über eine Bewertung des Podcasts auf dem Podcast Portal Eures Vertrauens.

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